Unterwegs in Coburg
Eine Reportage aus der Kleingruppe „Vokabeltraining für den Alltag“
Eine Stadtführung ist ein wunderbarer Anlass, die eigene Stadt neu zu entdecken – und zugleich einander besser kennenzulernen. Genau das hatten sich die Teilnehmenden der Kleingruppe „Vokabeltraining für den Alltag“ bei Stabi-plus II vorgenommen, als sie sich aufmachten, Coburg gemeinsam zu erkunden.

Die Teilnehmenden der Kleingruppe auf dem Coburger Marktplatz
Solche gemeinsamen Unternehmungen bieten den Teilnehmenden immer wieder die Möglichkeit, ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen, neue Kontakte zu knüpfen und erste Schritte in Richtung Arbeitswelt zu gehen. Besonders wertvoll ist das für Menschen, die Deutschland zu ihrer neuen Heimat gemacht haben und sich aktiv integrieren möchte.
Die Idee zur Stadtführung entstand in der Kleingruppe „Vokabeltraining für den Alltag“, deren Ziel es ist, den Wortschatz gemeinsam anhand thematischer Begriffe zu erweitern – abwechselnd begleitet durch die zwei Wegbegleiterinnen Eva-Maria Dörsch und Amelie Grimm. Als die Gruppe sich mit dem Thema „Reisen“ beschäftige, entstand schnell der Wunsch, das Gelernte in der Praxis auszuprobieren. So übernahm die Teilnehmerin Elena Paschke kurzerhand die Rolle der Stadtführerin und stellt für die Gruppe eine kleine Erkundungstour durch Coburg zusammen.
Coburg, aber mit Kuh?
Die Führung begann am Theaterplatz – und gleich mit einem kleinen Quiz. Elena Paschkes Frage nach der Herkunft des Stadtnamens sorgte erst für ratlose Blicke, dann für Schmunzeln: „Küheburg“ lautet eine ältere, aber nicht gesicherte Erklärung. Besonders Natalia aus der Ukraine und Ljudmila aus Kasachstan staunten über diese Verbindung aus „Kuh“ und „Burg“.
Den Monarchen Coburgs auf der Spur
Von dort richteten die Teilnehmenden den Blick auf Schloss Ehrenburg, die ehemalige Residenz der Herzöge von Sachsen-Coburg und Gotha und der Ort, an dem die Verbindung Coburgs zum britischen Königshaus besonders greifbar ist. Königin Victoria und ihr Mann Prinz Albert waren hier mehrfach zu Gast. Für den hohen Besuch ließ man sogar eine der ersten Toilette mit Wasserspülung in Deutschland einbauen – ein weiterer Fakt über Coburg, den die Gruppe bei Ihrer Führung nicht erwartete.
Bevor die Tour weiterging, wanderte der Blick in Richtung der Veste Coburg, eine der größten und am besten erhaltenen Burganlagen Deutschlands. Die majestätische Festung, erstmals 1225 erwähnt, beherbergt bis heute eine bedeutende Sammlung von Waffen, Kutschen und Kunstgegenständen. Als „Krone Frankens“ wird sie weit über die Region hinaus bezeichnet – eine Würdigung ihrer besonderen Lage und beeindruckenden Erscheinung.
Auf der Veste lebte über die Jahrhunderte zahlreiche Persönlichkeiten, darunter der Maler Lucas Cranach, der hier zeitweise wirkte. Noch bekannter ist jedoch der Reformator Martin Luther, der vor fast 500 Jahren ein halbes Jahr lang Zuflucht auf der Veste fand.
Der Marktplatz und sein Schutzpatron
Die Führung setzte sich anschließend auf dem Marktplatz fort, wo die Gruppe mehr über den Schutzpatron der Stadt, den heiligen Mauritius, erfuhr. Der frühere römische Legionär, mit dem die sogenannte „Lanze des Schicksals“ in Verbindung gebracht wird, ist seit 1500 das Siegel und Wappen der Stadt Coburg. Darüber berichtete ausführlich die Teilnehmerin Lena Hrankina.
Die Gruppe bewunderte zudem die Fassaden historischer Gebäude, darunter das Rathaus und das alte Fachwerkhaus des Münzmeisters. Viele stellten fest, dass längst nicht jede Stadt in Deutschland oder weltweit eine derart hohe Dichte an Sehenswürdigkeiten aufweisen kann. Auch das kulturelle Angebot Coburgs überraschte einige Teilnehmende: Das Landestheater Coburg als Drei-Sparten-Haus mit Musiktheater, Schauspiel und Ballett, dazu Museen, Kunstgalerien und zahlreiche weitere Einrichtungen prägen das Stadtbild und zeigen, wie vielfältig das kulturelle Leben hier ist.
Brasilianische Rhythmen mitten in Franken
Die Gruppe zeigte sich besonders beeindruckt davon, dass in Coburg Großveranstaltungen von internationalem Rang stattfinden. So zieht das Samba-Festival in Coburg jedes Jahr Tausende Sambistas – Trommlerinnen und Trommler – aus aller Welt an. Für Yuzi aus Brasilien ist dieses Fest von besonderer Bedeutung, denn es bietet ihr die Möglichkeit, ein Stück ihrer Heimatkultur zu leben. Zwar erreichen solche Veranstaltungen in São Paulo oder Rio de Janeiro ein Millionenpublikum, doch gilt das Coburger Samba-Festival offiziell als das größte seiner Art außerhalb Brasiliens.
Zwischen Bratwurst und Schäufele
Auch über die Stadt an der Itz, über bayerische Traditionen, Trachten und die regionale Küche wurde gesprochen. Besonders die fränkischen Spezialitäten fanden großen Anklang. So erzählte Sahra aus Somalia, dass sie und ihre Tochter die regionalen Kartoffelgerichte besonders schätzen.
Doch die kulinarische Vielfalt Coburgs reicht weit darüber hinaus: Schäufele – die gebratene Schweineschulter als fränkische Antwort auf die Münchner Haxe –, Rinderroulade mit Knödeln oder knusprige Ente auf bayerische Art zählen ebenso dazu wie der Obatzda und das Dessert, das in Coburg traditionell „Mohrenkopf“ genannt wird. Viele dieser Gerichte begegneten der Gruppe im Laufe der Führung immer wieder in Bäckereien, Metzgereien oder Cafés.
Natürlich durfte auch die Coburger Bratwurst nicht fehlen. Sie wird aus grob gehacktem Fleisch hergestellt und traditionell über Buchenholz und Fichtenzapfen gegrillt. Ebenso typisch für die Stadt ist der Hoflikör aus 27 Kräutern, dessen Rezept seit dem Mittelalter streng geheim gehalten wird.
Für ein Schmunzeln sorgte außerdem eine aktuelle Neuerung im Stadtbild: Auf mehreren neuen Ampeln hält das grüne Fußgängermännchen nun eine Coburger Bratwurst in der Hand – ein augenzwinkerndes Symbol für die lokale Identität.
Was vom Tag bleibt
Zum Abschluss der Führung am Steinweg entdeckten die Teilnehmenden einen letzten, besonders erstaunlichen Fakt über ihre neue Heimatstadt. Vor allem Antoun aus Syrien zeigte sich überrascht, als er erfuhr, dass in Coburg bereits 1888 eines der ersten Elektroautos gebaut wurde. Der Erfinder Andreas Flocken nannte sein Fahrzeug damals schlicht „Flocken‑Elektrowagen“.
Im gemütlichen Büro von Stabi diskutierten die Teilnehmenden noch lange bei einer Tasse aromatischen Tees über die neu gewonnenen und spannenden Informationen. Sie waren sich einig, dass der Wert solcher informellen Begegnungen kaum zu überschätzen ist – denn sie helfen Menschen dabei, in einem neuen Land ein neues Leben zu beginnen.
Autorin: Elena Paschke, Journalistin und Spätaussiedlerin aus Kasachstan
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